Bildungsreformen in anderen Ländern gehen trotz Covid-19 weiter

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Das Team der Professur für Bildungssysteme begleitet jährlich rund ein Dutzend Länder und US-Bundesstaaten bei der Reform ihrer Bildungssysteme. Aufgrund der Corona-Krise fand dieser in einem Online-Modus statt. Die vorliegende Kolumne gibt einen Überblick über die Wirkungen dieses Reformlabors sowie einen Einblick in ausgewählte Reformen, welche trotz Pandemie weitergeführt werden konnten.

Von Ursula Renold, Sarah Lüling, Katie Caves*

Im ODEC Bulletin 3/2018 haben wir Sie über unser CEMETS Reformlabor informiert. Normalerweise kommen rund 60 Personen für zehn Tage in die Schweiz und diskutieren mit uns, weiteren Mitgliedern der Fakultät sowie mit Persönlichkeiten aus der Berufsbildungspraxis Schweiz ihre Probleme rund um Bildungsreformen.

Wirkung von CEMETS Bildungsreformen

Caves/Lüling (2020) haben jüngst eine erste Studie publiziert, welche kurz- und mittelfristige Wirkungen dieses Reformlabors in 42 Teams aus der ganzen Welt untersuchte. Die nachstehende Abbildung zeigt, wie die Wirkungen auf individueller und auf Projekt-Ebene gerahmt wurden.

Die an der Untersuchung beteiligten Personen kamen zu dem Schluss, dass dank der Teilnahme am CEMETS Reformlabor auf der individuellen Ebene sowohl das systemische Wissen zur Berufsbildung, zu Bildungssystemen generell sowie zur Bereitschaft, komplexe systemrelevante Reformen zu leiten, verbessert werden konnte.

Bei der Frage, welche Wirkung das Reformlabor auf Projektebene hatte, konnte festgestellt werden, dass von 42 Reformfällen 81 Prozent nach fünf Jahren immer noch am Laufen sind und 7 Prozent abgeschlossen werden konnten. 3 Prozent wurden gestoppt, bevor sie die Ziele erreicht hatten, und bei 9 Prozent können aufgrund fehlender Rückmeldung keine Aussagen gemacht werden. Davon sind 23 Prozent der Teams weiterhin an der Umsetzung des Implementationsplanes, welchen sie am Ende des CEMETS Reformlabors präsentiert hatten, und 50 Prozent aller Teams haben diesen Plan bereits adaptiert und weiterentwickelt. Bei allen anderen Fällen fehlen entweder Informationen (16 Prozent) oder die Pläne wurden nicht weiterverfolgt.

Der vorläufige Output der Reformfälle lässt sich ebenfalls sehen. So berichten die Teilnehmer, dass ihre Reformfälle in der Mehrheit die richtigen Ziele gesetzt haben, dass diese weiterverfolgt werden können und dass die Stärke des entwickelten Reformfalls über die Zeit persistent ist, d.h., ihre Kollegen vor Ort, welche nicht am CEMETS teilnahmen, überzeugt wurden. Dabei erzielten Fälle, welche die Verbindung von Akteuren aus dem Bildungs- und Beschäftigungssystem entlang eines Bildungsprozesses verbessern, die höchsten Werte. An zweiter Stelle liegen die Fälle, bei denen der Anteil an betrieblichem Lernen verbessert werden konnte.

CES Theorie Reformen

Indirekte Wirkungen der Reformbemühungen konnten ebenfalls erfasst werden. So berichtet die Hälfte der an der Umfrage beteiligten Personen, dass eine vertiefte Forschung weitere Reformarbeiten anregen könnte. Positiv empfinden die Teilnehmer, dass sie mittlerweile Zugang zu einem weltweiten Netzwerk von Reformleadern erhalten, mit denen sie Erfahrungen austauschen können. 67 Prozent der 185 an der Umfrage beteiligten Personen sind in Kontakt mit ehemaligen CEMETS Teilnehmenden. Auch wenn diese erst vorläufige Resultate auf einem langen Weg der Bildungssystem-Reformen in diesen Ländern darstellen, so sind sie doch ermutigend und motivieren uns, diese Fälle weiterzuverfolgen. Dadurch gewinnen wir Erkenntnisse, wie Länder dabei unterstützt werden können, arbeitsmarktorientierte Bildungsprogramme zu verbessern und als echte Alternative zur akademischen Bildung zu positionieren.

Auswirkung der Coronakrise auf Bildungsreformen

Im letzten Jahr konnte das CEMETS Reformlabor aufgrund der Corona-Pandemie nicht wie geplant durchgeführt werden. Das gesamte Programm musste in eine virtuelle Lernumgebung eingebettet werden. Das führte zwar zu einem enormen Aufwand, allerdings waren auch die positiven Seiten rasch erkennbar. Dank einer Kombination von asynchronen und synchronen Interaktionen konnten alle Länder rund um die Welt integriert werden, selbst jene Entwicklungsländer wie Kuba oder Benin, welche über eine teilweise instabile Internetverbindung verfügen. Die wissenschaftlichen Inputs wurden alle als YouTube-Video-Session in die Moodle-Lernplattform integriert, womit auch die Untertitelung in der eigenen Landessprache möglich wurde. Interaktive Zoom-Sessions erlaubten zudem – wo nötig – eine Simultanübersetzung. Damit konnte der interkulturellen Heterogenität der Teams wesentlich besser Rechnung getragen werden, als wenn alles in Englisch angeboten werden muss.

Ein weiterer Vorteil des virtuellen Programms bestand darin, dass die aus Platzgründen limitierte Zahl von 60 Personen und 10 Teams erhöht werden konnte. Insgesamt haben im Jahr 2020 über 120 Personen von 12Teams aus der ganzen Welt teilgenommen. Auch wenn aufgrund der sehr unterschiedlichen Zeitzonen zwischen Colorado (USA) oder Nepal ein Live-Austausch zwischen den Reformfällen erschwert wurde und jeweils nur zwischen 15:00 und 16:30 Uhr stattfinden konnte, so zeigen die ersten Erfahrungen, dass Vorteile des virtuellen Modus vermutlich auch in Zukunft unser   Reformlabor prägen werden, denn je mehr Leute aus einem Team teilnehmen können, desto besser können wir gleichzeitig zum Kapazitätsaufbau im Land beitragen.

Die intensiven Monate seit August 2020 im Reformlabor bestätigen, dass die Corona-Pandemie zwar alle Länder trifft, dass sie aber in keinem Land zum Abbruch der Reformen führte. In der folgenden Tabelle werden zehn laufende Reformfälle mit ihren Herausforderungen beschrieben und mit einer Risikobeurteilung durch die Autorinnen ergänzt. Die Tabelle zeigt, dass nur vier von zehn Fällen ein höheres Risiko haben, dass ihre Reform ins Stocken geraten kann. Alle anderen Fälle können diese herausfordernde Zeit nutzen, um systemrelevante Veränderungen zu initiieren oder dem Ziel einen Schritt näherzukommen.

CES Tabelle

Wir sind zuversichtlich, dass die im Rahmen unseres Bildungssystem-Labors laufenden Reformen trotz Corona weitergeführt werden können. Dank der neuen virtuellen Form, in der die Vorlesungen und Lerneinheiten auch mit integrierter Übersetzung angeboten werden können, gehen wir davon aus, dass diese Kohorte auf der individuellen Ebene gegenüber einem zehntägigen Intensivprogramm in der Schweiz eher noch stärker profitiert. Wir schauen deshalb schon heute mit Interesse auf die nächsten Forschungsarbeiten zur Impact Evaluation und sind gespannt, ob sich diese Corona-bedingte Zäsur in den Daten niederschlägt.

*Die Autorinnen sind Mitarbeitende der Professur für Bildungssysteme der ETH Zürich.

Referenz: Caves, Katherine; Lüling, Sarah (2020). Research and the real world: Analyzing the short- and long-term impact of knowledge transfer. CES Working Papers No. 1, November 2020. https://doi.org/10.3929/ethz-b-000449607